Der alte Zauberer saß im Halbdunkel seines Turmzimmers und betrachtete gedankenverloren die leuchtenden Tätowierungen auf seinen Armen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er es seinen Gedanken gestattet, in die Vergangenheit zu schweifen. Damals waren seine Arme frei von Tätowierungen, seine Macht gering, sein Rang im Orden der Feuerzauberer der einer kleinen Kerze. So kurz war die Zeit seines Aufstiegs, so kurz die Zeit, in der er an Macht gewann. Seine Arme, nahezu vollständig von den rotleuchtenden Glyphen des Feuers bedeckt, zeigten nun seinen neuen Rang in der Akademie der Feuerzauberer an. Den Rang eines Meisters. Dieser Krieg. Dieser verdammte Krieg. Sein Vorgänger wurde in den Kampf gerufen, galt seitdem als verschollen. Kurz darauf wurde er zum Meister erhoben, die Lücke zu füllen, die jungen Zauberer nach Ihrer Ausbildung zu leiten. Ein leises Bedauern schlich sich in seine Gedanken, als er an das Kommende dachte. Das Leuchten seiner Tätowierungen verblasste zu einem schwachen Glimmen.

 

Er musste eine junge Kerze aus seinem Orden zu der Suche nach dem verschollenen Meister abkommandieren, obwohl er wusste, dass die Gefahren dieser Reise von eben diesem Meister scheinbar nicht überwunden worden sind. Ob die junge Zauberin das schaffen konnte? Zugegeben, sie verfügte bereits über ein wenig Erfahrung im Krieg, hatte das eine oder andere Scharmützel überlebt, was mehr war, als so manch anderer Zauberer erreicht hatte. Aber ob das genügen würde?

 

Der alte Zauberer lächelte unsicher. Nur gut, dass er bereits Vorkehrungen getroffen hatte, die ihr helfen würden. Vor ihm lag ein Schreiben, dass ihr die Unterstützung der Hexenjäger zusicherte, auch wenn diese genauso wie die Feuerzauberer im Augenblick keine Kräfte entbehren konnten. Ein leichtes Seufzen entfuhr ihm. Erst als er auf alte Freundschaften gepocht hat, wurde ihm die Unterstützung zugesichert.

 

Ein leises Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Augenblicklich steigerte sich das Leuchten seiner Tätowierungen, so dass ihr rötlicher Schein das kleine Zimmer weit genug erhellte, um die Umrisse der schweren Möbel erkennen zu können. Ilani betrat ein kleines, dunkles Zimmer. Schwere Vorhänge verhüllten die Fenster und sperrten jedes Tageslicht aus. Einzig und allein die leuchtenden Tätowierungen des Meisters spendeten Licht, so daß man die Umrisse seiner Gestalt hinter dem großen, schweren Tisch erkennen konnte. Rötlicher Schein durchdrang das Zimmer und verlieh der Situation eine Art der Heimlichkeit.

 

„Ilani, es freut mich, Dich zu sehen“. Die sanfte Stimme des Meisters. Ihres Meisters. Als die Bitte für eine private Audienz bei ihrem Meister an sie herangetragen wurde, war sie überrascht. Normalerweise sollte es umgekehrt sein, aber was war heutzutage schon normal. Eilig hatte sie die Stufen zu seinem Turmzimmer erklommen, damit er nicht auf sie warten musste. Wenn ein Meister etwas von einem wollte, dann zögerte man nicht. „Ich habe eine Aufgabe für Dich“, fuhr er rasch fort, während sie noch vor ihm knickste. „Wie Du sicher weißt, ist Meister Bordun seit einiger Zeit verschollen – Du musst ihn suchen und in Erfahrung bringen, was passiert ist. Diese Unterlagen bezeichnen seinen letzten bekannten Aufenthaltsort. Am Besten fängst Du dort mit der Suche an. Dieses Schreiben hier sichert Dir die Unterstützung eines Hexenjägers zu. Du wirst seine Hilfe nötig haben, also gib auf ihn acht“.

 

Verwirrt nimmt Ilani die Dokumente entgegen. Ein Hexenjäger? Was zum… „Ja. Natürlich, Meister“.

 

„Gut. Meister Bordun wurde von einem Dorfvorsteher nahe der Stadt Wuppertal angefordert. Dorfbewohner haben nach einem schwachen Erdbeben eine Höhle in den umliegenden Dörfern entdeckt. Als sie die Höhle jedoch betreten wollten, wurden Sie von einer unsichtbaren Wand daran gehindert. Man witterte Magie, und daher hat sich Bordun zu einer Untersuchung aufgemacht. Wir wissen leider nicht, ob er dort ankam oder was dann geschah…“

 

Die weiteren Informationen, die Ilani erhielt, waren kaum hilfreich. Ihr Meister entließ sie mit einem schwachen Lächeln. Eine Suchmission nach einem Meisterzauberer, der sich nicht mehr gemeldet hat. Mit einem Hexenjäger. Na prima. Gedankenverloren stapfte sie die lange Treppe hinab, die sie vorher so eilig erklommen hatte. Sie öffnete den Umschlag, der den Brief der Hexenjäger enthielt. Nur eine Zeile stand dort:

 

Er wird Dich am Stadttor erwarten…

Ilani seufzte, aber eigentlich hatte sie sich schon darauf eingestellt, dass der Brief nicht viel außer dem Wesentlichen enthalten würde. Sie hatte bislang nicht viel Kontakt mit den Hexenjägern. Die wenigen, denen sie bislang begegnet war, waren grimmige Gestalten, immer auf der Hut und misstrauisch. Redseligkeit zählte bestimmt nicht zu deren Eigenschaften.Und sie hatte das Gefühl, dass jedes Mal, wenn einer sie erblickte, dessen Gesicht noch einmal verschlossener wurde und sie mit Blicken fast durchbohrt wurde.

 

Mit einem Schaudern erinnert sie sich an eine eine Begegnung mit einem alten Hexenjäger. Sie war spät abends auf dem Weg vom Marktplatz zu ihrem Quartier. Zielstrebig lief sie durch die Gassen, als unweit einer Taverne plötzlich eine Gestalt ihr den Weg verstellte. Sie blieb stehen und sah plötzlich den Degen eines Hexenjägers auf sie gerichtet. Irre Augen starrten sie unter einer Hutkrempe an und die Gestalt kam auf sie zu. „Auch dich erwische ich noch, Hexe“ wurde sie angefahren. Sie wich zurück, der Hexenjäger folgte ihr, den Abstand gleich halten. Der Degen zitterte leicht in seiner Hand und seine Schritte waren nicht gerade, aber trotzdem nicht weniger energisch.Aus der benachbarten Taverne tauchten zwei weitere Hexenjäger auf, die suchend in die Gassen schauten und ebenfalls auf sie zu kamen. Weiter zurück weichen konnte sie nicht, sie spürte die Hauswand in ihrem Rücken. Doch die beiden anderen hatten nicht sie als Ziel gewählt, sondern den ihrigen. „Lasst sie ihn Ruhe, Artol. Kommt, Ihr habt genug.“ Mit forschen Bewegungen entwaffneten sie ihn und nahmen ihn in ihre Mitte. Beim Weggehen wendet sich der eine an Ilani. „Entschuldigt, aber er hat zu viel gesehen.“ Dann entfernte sich das Grüppchen ohne weitere Worte und Geschehnisse. Seit dem gab sie sich Mühe Hexenjägern so gut wie möglich zu meiden. Was sie nun nicht mehr konnte, jedenfalls nicht für die nächste Zeit.

 

Sie beschleunigt ihre Schritte Richtung ihres Quartiers, sie musste noch packen. Sie war nicht auf einen Aufbruch vorbereitet gewesen. Der Brief der Hexenjäger enthielt keine Uhrzeit oder Datum, aber sie nahm an, dass dies als sofort zu verstehen war und sie ließ ihren Begleiter besser nicht länger als notwendig warten.

 


 

Die Abendsonne schien noch gerade über die Stadtmauern und erleuchtete den Marktplatz in warmen Licht. Tobias machte sich, sein Pferd neben sich führend, auf den Weg zum Stadttor. Vor wenigen Stunden war ihm ein Auftrag gegeben worden, von dem er noch nicht so ganz wusste, was er davon zu halten hatte. Er war angewiesen worden, ein Mitglied der Feuerakademie die nächsten Tage zu begleiten. Ein ungewöhnlicher Auftrag, konnten doch in diesen Zeiten niemand entbehrt werden. Aber Auftrag war Auftrag und so verschwendete er keinen weiteren Gedanken darüber. Was ihn aber doch nicht aus dem Kopf ging, war der Kommentar „und behaltet sie gut im Auge, sie wird uns eine nützliche Quelle sein.“ Was war damit gemeint? Und wer? Er hatte genickt, Fragen stellen war nicht angebracht gewesen. Er hoffte, es würde sich ihm noch erschließen.

 

Am Stadttor angekommen, grüßte er die Stadtwachen, die mittlerweile fast alte Bekannte für ihn waren, sooft wie er in letzte Zeit in der Stadt ein und aus gegangen war. „Grüße Euch“ wurde er von Gunther, einem alten Leutnant der Stadtwache, mit einem Nicken begrüßt. „Na, wagt ihr Euch mal wieder alleine aus der Stadt?“ Tobias schüttelte den Kopf. „Diesmal werde ich Begleitung haben.“ „Na, das schadet Euch nicht, treibt Euch zu viel für diese Zeiten alleine in der Gegend rum“, erwiderte Gunther. Tobias nickt schweigend. Zu oft durfte er sich in letzter Zeit von Gunther dies anhören. Er weiß, der Alte meint es nur gut und hat viel gesehen. Und die Zeiten sind gefährlich, auch das weiß er selbst. Tobias hoffte, dass das Mitglied der Feuerzauberer bald erscheinen möge. Er wollte noch vor dem Einbruch der Nacht ein paar Stunden Weg hinter sich gebracht haben.

 

Aufmerksam beobachtete er die Gegend, den Rücken gegen einen Mauervorsprung der Stadtmauer gelehnt. Nur ein paar gewöhnliche Händler passierten das Stadttor, auch wenn weniger Händler und Kaufleute in die Stadt kamen, hatte die Stadt bislang noch keine größeren Versorgungsengpässe.

 

Nach ein paar Minuten erspähte er eine Gestalt, die ein Pferd neben sich führte und in Richtung Stadtor kam. Das schien seine Begleitung zu sein. Eine junge Feuerzauberin näherte sich, das Pferd mit Gepäck beladen. Ein Stab und die rötlichen Tätowierungen an ihrem Oberarmen, die unter dem Mantel hervorschauten, ließen keine Zweifel. Sie schien noch nicht weit in der Hierarchie nach oben gewandert zu sein, jedenfalls was er über die Ränge und damit verbunden Tätowierungen stimmte. Sie war bislang nur mit schmalen, flammenförmigen Ornamten gezeichnet. Tobias tritt ihr ein paar Schritte entgegen. Sie mustert ihn aufmerksam mit ihren grünen Augen und sagt mit fester Stimme: „Ich grüße euch. Mein Name ist Ilani und ich nehme an, Ihr seid meine Begleitung.“ Sie steht mit dem Rücken zur Sonne und für einen kurzen Moment scheinen ihre roten Haare zu brennen.

Tobias musterte sein Gegenüber prüfend. So jung? Sollte sie eine Hilfe sein, oder sollte er Babysitter spielen? Er musste grinsen. So viel älter war er eigentlich auch nicht. Also, was machte er sich Gedanken über Gegebenheiten, die er sowieso nicht ändern konnte. Er bemerkte ein Stirnrunzeln von Ilani und räusperte sich. „Mein Name ist Tobias, und ja, ich bin Eure Begleitung. Ich hoffe, Ihr könnt mir sagen, wohin die Reise geht und was diese Geheimniskrämerei zu bedeuten hat?“

 

Ilani schüttelte den Kopf, „Tut mir leid, ich weiß auch nicht viel. Aber das wenige, was ich weiß, erzähle ich Euch gerne“. Sie sah sich um und bemerkte den alten Wachmann, der sie neugierig beobachtete. „Aber das können wir auch unterwegs machen“. Tobias schwang sich auf sein Pferd. „Natürlich. Da ich nur den Auftrag habe, Euch zu begleiten, ist mir alles andere eigentlich egal. Solange Ihr wisst, wo Ihr uns hinführt“.

 

Na prima, dachte Ilani, ich habe keine Ahnung, was uns am Ziel unserer Reise erwartet und habe dennoch die Verantwortung dafür. Schweigend stieg sie in den Sattel und ritt voraus.

 

 

Tobias folgte Ilanis Pferd und betrachtete die Feuerzauberin nachdenklich. Was sollte er nun davon halten? Der kurze, schmollende Gesichtsausdruck hätte ihn beinahe zum Lachen gebracht. Mühsam unterdrückte er ein Kichern. Zum Glück ritten sie spät abends, so daß die Straßen aus der Stadt nicht allzu voll waren. Trotzdem mussten sie so manches mal eiligen Händlern mir ihren Karren ausweichen, die noch schnell vor Torschluss in die Stadt wollten. Als die Dämmerung heran brach, lenkte Tobias sein Pferd schließlich neben seine Begleiterin. „So spät abends los zu reiten war eigentlich keine gute Idee. Zum Glück kenne ich hier in der Gegend ein Gasthaus, welches wir ansteuern können. Wäre Euch das recht?“

 

Er sah trotz der mittlerweile hereinbrechenden Dunkelheit Ilanis Augen kurz zornig aufblitzten, doch sie beherrschte sich schnell und erwiderte kühl: „Gerne.“

 

Sie ärgerte sich. Wäre es nach ihr gegangen, so wäre sie ja auch nicht noch am frühen Abend aufgebrochen und jetzt ließ er sie als dumm und unerfahren da stehen. Dazu glaubte sie in Tobias Stimme zwischendurch eine leise Belustigung festzustellen, die sie nicht weniger ärgerte. Für wen hielt er sich eigentlich. Sie rief sich innerlich zur Ruhe, denn eigentlich war sie froh über Begleitung. Gut, es hätte nicht unbedingt ein Hexenjäger sein müssen, aber der Gedanke alleine hier zu reiten ließ sie erschauern.

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